Archive für den Monat: Juli, 2013

Ein paar Fragen an Stephan Herwig zu Editorial Bareback

Die wenigsten der durchschnittlichen Zuschauer werden sich etwas unter dem Titel „Editorial Bareback“ vorstellen können. Die letzten Produktionstitel waren unbestimmter wie z.B. „Somewhere“ oder „In This Very Moment“. Magst Du dazu etwas Erklärendes sagen?

Der Titel impliziert einen gewissen Widerspruch. „Editorial“ steht für Hochglanz in der Fotografie. „Bareback“ ist ein Code aus der Schwulenbranche und bedeutet „Sex ohne Kondom“. Diese beiden Extreme bilden einen Kontrast, der auch mein neues Stück prägen soll. Auf der einen Seite das Stilvolle, das Schöne, die Jagd nach Fitness und Äußerlichkeiten; Attribute, die man gerne den Schwulen zuschreibt und auf der anderen Seite ein immer extremes Ausleben von Sexualität in der Szene.

Wie kommt es, dass Du Dich eines so konkreten und expliziten Themas wie dem Schwulsein annimmst?

2010 habe ich eine Kurzchoreografie mit dem Titel „Körper, erinnere Dich…“ erarbeitet, die sich bereits mit dem Thema Homosexualität und meinen persönlichen Empfindungen zu diesem Thema befasste und konkret inspiriert von dem schwulen Filmemacher Derek Jarman und Gedichten Konstantinos Kavafis war.
Nach Vollendung des Solos hatte ich aber das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Das Thema wurde für mich immer größer und verlangte nach einem größeren Rahmen.

Hast Du selbst das Gefühl „anders“ zu sein?

Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft immer mehr nach einem „Gleichmachen“ sucht. Schwule möchten heute eben auch heiraten und Kinder haben und verstehen sich weniger als anders, sondern möchten vielmehr auch als „normal“ wahrgenommen werden. Das ist politisch auch total korrekt, ich persönlich finde aber anders sein als etwas Wertvolles und Wichtiges. Diesen neuen Konservatismus, der nicht nur in Deutschland in den letzten Jahren aufkommt, finde ich beängstigend.

Du stellst die Frage nach einer schwulen Ästhetik. Wie würdest Du selbst diese charakterisieren?

Nun, erstmal würde man wohl sagen: Schwule lieben alles Schöne. Perfekte Körper, perfekt ausgeleuchtet. Andererseits haben Schwule auch eine Sehnsucht nach dem Dunklen, Dreckigen. Durch frühere Zeiten in der Homosexuelle ihre Sexualität nur im Verborgenen ausleben konnten, ist da (meiner Meinung nach) noch ein gewisser Reiz an diesem Verborgenen geblieben. Und Männer sind, was die Sexualität betrifft, wohl einfach auch direkter: ein sich treffender, tiefer Blick… das reicht meist schon und man weiß wie der Abend weitergeht; Namen und Telefonnummern können ja auch später noch getauscht werden!

In den letzten Produktionen hast Du jeweils selbst mitgetanzt. Wie ist es nun – nach einer Probenwoche – immer draußen zu sein?

Es fühlt sich sehr gut und richtig an. Bisher hatte ich immer das Gefühl, das ich ein Stück von innen heraus, also auf Augenhöhe mit den Tänzern, entwickeln möchte. Diesmal hatte ich mehr das Gefühl, einen Überblick von außen zu brauchen.

Welche Art von Vorgaben gibst Du in die Proben hinein?

Es sind Inspirationen, z.B. aus der Bildersprache des englischen Filmemachers Derek Jarman, oder die Tanzrichtung des Vogueings (entstanden in den 80ern) fasziniert mich, damit experimentieren wir; aber ich stelle auch konkrete Fragen an die Tänzer, die dann als Ausgangspunkte fungieren.
Bisher habe ich es in meinen Arbeiten immer streng vermieden, mit jeglichen Klischees zu arbeiten; bei dem Thema der Homosexualität und der Körperlichkeit von Schwulen trifft man aber unweigerlich auf viele Klischees und diesmal scheue ich mich nicht vor ihnen, sondern spiele mit ihnen. Das ist neu für mich und äußerst spannend.

Wie individuell kann sich jeder Tänzer in Deinen Produktionen einbringen?

Ich arbeite mit den Tänzern immer sehr direkt. Hätte ich andere Tänzer in meiner Produktion, würde das Endprodukt, das fertige Stück wahrscheinlich sehr anders aussehen. Ich habe mir für diese Produktion sehr unterschiedliche Tänzer gesucht, die alle etwas sehr eigenes besitzen, das macht die Arbeit spannend, es bilden sich Reibungsflächen; das mag ich, das fordert mich heraus. Ich bin kein Choreograph, der den Tänzern jeden Schritt vorgibt; das Stück entsteht mit den Tänzern.

Der Raum nimmt immer eine besondere Stellung in Deinen Produktionen ein – was ist diesmal geplant?

Ich möchte auch diesmal wieder, dass das Publikum sehr nahe am Geschehen ist; den Atem der Tänzer hören, den Schweiß sehen, es geht in meinen Stücken ja nicht nur um die großen Gesten, sondern mindestens genauso um feine Details. Diesmal werde ich auch zum ersten Mal mit einem Team arbeiten, das sich um das Bühnenbild kümmert; da gibt es schon einige sehr spannende Ideen, die sich vor allem damit beschäftigen, der Choreographie räumliche Möglichkeiten des Betonens und Versteckens zu schaffen, Fassbares und Unfassbares zu verwischen; aber allzu konkretes soll hier natürlich noch nicht verraten werden…

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http://www.theguardian.com/world/ng-interactive/2014/may/-sp-gay-rights-world-lesbian-bisexual-transgender#country:276

 

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